Östradiol: Blutwerte im Zusammenhang mit Zyklus und Fruchtbarkeit
Was ist Östradiol und welche Rolle spielt es im Körper?
Östradiol (E2) ist die biologisch aktivste Form der Östrogene und wird vor der Menopause hauptsächlich in den Eierstöcken produziert. Kleinere Mengen entstehen auch in anderen Geweben durch die Umwandlung von Androgenen. Östradiol ist an mehreren Funktionen beteiligt:
- Regulation des Menstruationszyklus und der Ovulation
- Aufbau und Erhalt der Gebärmutterschleimhaut
- Knochendichte: Östradiol hemmt den Knochenabbau. Mit dem Rückgang in den Wechseljahren steigt das Osteoporoserisiko.
- Einfluss auf Gefäße und Fettstoffwechsel
- Gehirn und Stimmung: Östradiol beeinflusst Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin
- Haut, Haare und Schleimhäute
Östradiol im Zyklusverlauf
Bei Personen mit Ovarien und regelmäßigem Zyklus verändert sich der Östradiolspiegel im Monatsverlauf deutlich:
- Frühe Follikelphase (Tag 1 bis 5): Niedriger Grundwert, etwa 20 bis 100 pg/ml
- Späte Follikelphase: Anstieg bis zum präovulatorischen Peak, bis zu 200 bis 400 pg/ml
- Um den Eisprung: Hohe Östradiolwerte tragen zum Anstieg des luteinisierenden Hormons bei. Danach fällt Östradiol zunächst ab.
- Lutealphase: Ein zweiter, meist niedrigerer Anstieg durch den Gelbkörper, danach Abfall vor der Menstruation
Diese Schwankungen sind biologisch normal. Ein einzelner Messwert ohne Zykluszuordnung ist daher nur begrenzt interpretierbar.
Wann ist Östradiol zu niedrig?
Dauerhaft niedrige Östradiolwerte entstehen bei:
- Menopause und Perimenopause: Der Rückgang der Ovarialfunktion führt zu niedrigen Östrogenspiegeln. Typische Symptome sind Hitzewallungen, Scheidentrockenheit, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen.
- Hypothalamische Amenorrhoe: Durch hohe körperliche Belastung, geringe Energiezufuhr oder psychische Belastung kann die hormonelle Steuerung des Zyklus gestört werden. Die Menstruation kann ausbleiben und Östradiol sinken.
- Primäre Ovarialinsuffizienz: Vorzeitiger Funktionsverlust der Eierstöcke vor dem 40. Lebensjahr.
- Hyperprolaktinämie: Erhöhtes Prolaktin hemmt die Östrogenproduktion.
Wann ist Östradiol zu hoch?
Ein hoher Wert kann je nach Zyklusphase normal sein. Außerhalb des erwarteten Bereichs kommen unter anderem folgende Ursachen infrage:
- Ovarialzysten oder östrogenproduzierende Tumoren
- Übergewicht: Fettgewebe aromatisiert Androgene zu Östradiol
- Lebererkrankungen: Die Leber baut Östrogene ab, bei eingeschränkter Funktion können sie akkumulieren
- Einnahme von östrogenhaltigen Medikamenten
- Bei Personen mit Hoden: stärkere Aromatisierung bei höherem Körperfettanteil, Lebererkrankungen oder die Einnahme anaboler Steroide
Wann ist eine Östradiolmessung sinnvoll?
Eine Bestimmung des Östradiolspiegels ist sinnvoll bei:
- Unregelmäßigem oder ausbleibendem Zyklus
- Unerfülltem Kinderwunsch
- Verdacht auf eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz
- Kontrolle bei bestimmten Kinderwunschbehandlungen
- Ausgewählten Fragestellungen bei einer Hormonersatztherapie
- Bei Personen mit Hoden: Beurteilung im Rahmen eines Hormonprofils
Bei gesunden Personen ab 45 Jahren wird die Perimenopause oder Menopause in der Regel anhand typischer Beschwerden und Zyklusveränderungen festgestellt. Eine Östradiolmessung ist dafür meist nicht erforderlich.