Cortisol: Tagesrhythmus, Messung und mögliche Ursachen auffälliger Werte
Was ist Cortisol und wofür braucht der Körper es?
Cortisol ist ein Steroidhormon, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Es hilft dem Körper, Energie bereitzustellen, beeinflusst den Blutzucker und wirkt auf Immunsystem, Kreislauf und Stoffwechsel. Bei körperlicher oder psychischer Belastung kann die Ausschüttung vorübergehend steigen.
Cortisol folgt einem ausgeprägten Tagesrhythmus: Es erreicht seinen Höhepunkt kurz nach dem Aufwachen (Cortisol Awakening Response), fällt dann im Laufe des Tages ab und ist abends und nachts am niedrigsten. Dieser Rhythmus ist eng mit dem Schlaf-Wach-Zyklus verknüpft.
Was kann hinter erhöhten Cortisolwerten stecken?
Ein erhöhter Einzelwert kann durch akuten Stress, Schmerzen, Schlafmangel, intensive körperliche Belastung, eine Erkrankung oder bestimmte Medikamente entstehen. Auch Schwangerschaft und östrogenhaltige Präparate können das im Blut gemessene Gesamtcortisol erhöhen. Deutlich und anhaltend erhöhte Werte kommen beim seltenen Cushing-Syndrom vor. Mögliche Beschwerden und Befunde sind:
- Gewichtszunahme mit vermehrtem Fett am Rumpf
- Erhöhter Blutzucker und Insulinresistenz
- Bluthochdruck
- Erhöhte Infektanfälligkeit und schlechte Wundheilung
- Muskelschwund und Knochendichteverlust
- Schlafstörungen (trotz Erschöpfung)
- Angstzustände, Reizbarkeit, depressive Verstimmung
- Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme
- Zyklusveränderungen oder verminderte Libido
Diese Beschwerden sind unspezifisch. Ein erhöhter morgendlicher Blutwert allein beweist weder chronischen Stress noch ein Cushing-Syndrom.
Was kann hinter niedrigen Cortisolwerten stecken?
Niedrige morgendliche Cortisolwerte können bei einer primären oder zentralen Nebenniereninsuffizienz auftreten. Auch eine längerfristige Behandlung mit Glukokortikoiden kann die körpereigene Cortisolproduktion unterdrücken. Mögliche Beschwerden sind:
- Extreme Erschöpfung, die durch Schlaf nicht behoben wird
- Niedriger Blutdruck, Schwindelgefühle beim Aufstehen
- Salzhunger und Elektrolytentgleisungen
- Übelkeit, Gewichtsverlust oder Bauchbeschwerden
- Bei primärer Nebenniereninsuffizienz auch dunklere Hautstellen
Das als "Adrenal Fatigue" bezeichnete Konzept ist keine anerkannte Diagnose. Burnout oder anhaltende Erschöpfung lassen sich nicht anhand eines niedrigen Cortisolwerts feststellen.
Wie werden Cortisolwerte eingeordnet?
Referenzbereiche hängen von Tageszeit und Messmethode ab. Für Serum oder Plasma am Morgen geben Labore häufig einen Bereich in ungefähr folgender Größenordnung an:
- Etwa 140 bis 690 nmol/l: häufig verwendete Größenordnung für eine Morgenmessung
- Unter etwa 140 nmol/l: kann zusammen mit ACTH auf eine Nebenniereninsuffizienz hinweisen
- Zwischenwerte: erfordern bei begründetem Verdacht häufig einen ACTH-Stimulationstest
Maßgeblich ist immer der Referenzbereich des untersuchenden Labors. Bei Verdacht auf ein Cushing-Syndrom sind ein später Speicheltest, freies Cortisol im 24-Stunden-Urin oder ein Dexamethason-Hemmtest geeigneter als ein einzelner morgendlicher Blutwert.
Was unterstützt einen stabilen Tagesrhythmus?
Ein einzelner Laborwert ist kein sinnvolles Ziel für eine Selbstbehandlung. Regelmäßige Gewohnheiten können Schlaf und den natürlichen Tagesrhythmus unterstützen:
- Schlaf: möglichst gleichbleibende Schlafzeiten und ausreichend Erholung
- Bewegung: regelmäßige, an die Belastbarkeit angepasste Aktivität
- Entspannung: Atemübungen, Achtsamkeit oder andere individuell passende Methoden
- Stimulanzien: Koffein am späten Tag und hoher Alkoholkonsum können den Schlaf beeinträchtigen